Die vergessenen Dinge


Ein paar abgeschliffene Kiesel liegen auf den Holzdielen im Gotischen Stadel auf der Landshuter Mühleninsel, als hätte die Isar sie direkt dorthin gespült. Die koreanische Künstlerin Lee Jiyoun war es, die diese Fundstücke und vieles mehr dort verstreut hat für ihre Ausstellung ,,Beim Anhören des Flusses", mit der die Neue Galerie Landshut das Kunstjahr eröffnet.

Man muss schon sehr genau hinhören, damit die Steine und jene Objekte, denen der Zweck längst verloren gegangen ist, zu sprechen beginnen - und vielleicht einen neuen Sinn ergeben. Denn es ist eine Ieise Kunst, mit der Lee ein eventverwöhntes Publikum auf den Level buddhistischer Stille, Konzentration und Abstraktion herunterdimmt.

Lee Jiyoun hat in Frankreich studiert, lebt seit kurzem in München und hat sich ihre neue Heimat auch bei einigen Wanderungen an der Isar erschlossen. In ihren Taschen landeten die verirrten Reste einer (Immer-noch) -Überflussgesellschaft, die der Fluss stetig an seine Ufer spült. Denn das Ephemere ist beständiger als man denkt - und der grundsätzliche Umgang mit unserem Wohlstandsmüll von globalpolitischer Relevanz.

Die Künstlerin entdeckt auch nach dem Ende der Nützlichkeit darin Potenzial. Anders als viele berühmte Kollegen, die Fundstücke in Bilder und Assemblagen integrierten, setzt Lee sie lediglich in neue ästhetische Zusammenhänge. Da treffen sich ein Teller und ein abgeschliffener Stein, und am Draht baumelt ein verbeultes Netz für, Südfrüchte. Doch nicht nur das Material interessiert Lee, sondern vor allem die Form. Es begegnen sich Kreis, Quadrat und Dreieck mit allerlei Amorphem, Ausfransendem, Flatterhaftem. Namen wie "Atlas", "Berg", "Tropfen" verschlagworten natürliche Formationen aus menschgemachtem Material. Assoziativere Titel wie "bubble game Picasso" oder "flüchtiges Herz" wiederum beschreiben Konstellationen, in denen Natur und Zivilisationsreste eine neue Verbindung eingehen. Ob es große Kunst ist, in die Lee die vergessenen Dinge transformiert, ist dabei gar nicht die wichtigste Frage. Einige ihrer Kompositionen entwickeln gerade in ihrer Kargheit magisch-poetische Kraft.

Sie erlangen einen anderen Bewusstseinszustand, erleben eine Art Wiedergeburt. Lee Jiyouns Werk ist quasi ein Zwischenstadium im ewigen Kreislauf des Lebens.

Roberta De Righi,

Besprechung der Ausstellung "Beim Anhören des Flusses" in der Landshuter Zeitung

 

Fallende Landschaft

" Les oeuvres de Ji-Youn Lee se fondent sur la richesse de sens que peuvent avoir les objets que nous laissons à l'abandon. Au cours de ses promenades urbaines, elle collecte des déchets pour les assembler en installation sculpturale le plus souvent composée à même le sol. Son travail exploite la densité poétique du quotidien, du banal, du laissé pour compte, de l'éphémère et de l'instable. « Mon projet, explique l'artiste, touche au regard sur nos environnements. Je marche en ville et analyse ce qui se passe autour de moi. A chaque promenade, je me saisis d'autant d'objets trouvés que mes bras peuvent en porter. Je les sélectionne suivant leur forme, les traces qu'ils laissent. L'action de les ramener dans un espace intérieur les révèle à nouveau. Je conserve toujours leur état d'origine, leur nudité, leur authenticité mais leur donne aussi par l'association avec d'autres objets des nouvelles significations tant formelles que spirituelles. Je ne peux nier la part de gravité de ce travail autour des dérives de nos valeurs sociétales et de questions comme l'abandon, la mémoire et la fragilité de notre monde. "

Pierre Henrion,

im katalogue "RAVI 2013"

 

All works © LEE JIYOUN

LEE JIYOUN

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